Die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Fußball-WM

Es bleibt nur noch eine Woche bis zum Eröffnungsspiel, aber Russland scheint bestens auf den Beginn der Fußball-WM 2018 vorbereitet zu sein. Es ist nicht leicht zu beurteilen, welche wirtschaftlichen Vorteile die WM Russland bringen wird. Aber vielleicht hilft ein Blick auf frühere Weltmeisterschaften.

Viele Länder wollen die Fußball-WM ausrichten, eines der größten Sportereignisse der Welt. Die Politik glaubt, dass die Investitionen sowohl lang- als auch kurzfristig der Wirtschaft sowie dem Image des Gastgeberlandes nützen und dessen Markenwert steigern (was gut für den Tourismus und die Unternehmen ist).

Dennoch ist der langfristige Nutzen internationaler Sportveranstaltungen für das Gastgeberland kaum messbar. Die kurzfristigen Auswirkungen lassen sich genauer bestimmen: der finanzielle Impuls, zusätzliche Ausgaben für Hotels und Einkäufe, direkte Steuern auf Tickets, Teilnahmegebühren und Prämien sowie die zusätzlichen Arbeitsplätze über mehrere Monate vor und während der Veranstaltung.


Zum ersten Mal in Russland

Die bevorstehende Weltmeisterschaft wird eine der teuersten in der Geschichte des Turniers. Nach einer genauen Analyse schätzen wir die Kosten auf fast 13 Mrd. US-Dollar, die zu 70 % vom Staat getragen werden. Von diesen 13 Mrd. Dollar entfallen 4 Millionen auf die Sportinfrastruktur (Stadien) und fast 7 Mrd. auf die Verkehrsinfrastruktur (Modernisierung wichtiger Flughäfen, Ausbau und Reparatur von Autobahnen sowie Sicherheitsmaßnahmen).

Diese Investitionen, die sich gleichmäßig auf die Jahre seit 2013 verteilt haben, und die Weltmeisterschaft selbst wirken sich kurzfristig auf die russische Wirtschaft aus – im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres. Sie wird vom vorübergehenden Beschäftigungszuwachs und dem zusätzlichen Konsum der 3,5 Mio. Menschen profitieren, die Tickets für die WM gekauft haben. Bei früheren Weltmeisterschaften haben die Besucher bis zu doppelt soviel Geld für Unterkunft, Essen und Getränke ausgegeben wie andere Touristen. Unternehmen, die bei der WM 2014 in Brasilien Verkaufslizenzen für Stadien erhalten hatten, haben dort laut FIFA über 800.000 Portionen Essen, über drei Millionen Becher Bier, 2 Millionen Becher alkoholfreie Getränke und fast 750.000 Snacks verkauft. 

Der geschätzte wirtschaftliche Gewinn Russlands liegt bei etwa 0,2 bis 0,3 % zusätzlichem BIP-Wachstum im Jahr 2018. Das scheint früheren Weltmeisterschaften zu entsprechen. Die kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteile von Brasilien wurden auf 0,2 bis
0,7 % des BIP geschätzt. Offizielle Zahlen stehen noch aus. Nach Angaben von KPMG verzeichnete Südafrika 2010 dank der Weltmeisterschaft 0,5 Prozentpunkte mehr Wachstum.


Die langfristigen Vorteile

Die Schätzung der möglichen langfristigen Vorteile ist schwieriger. Mit Blick auf den Tourismus in den Jahren nach der WM, spätere Auswirkungen der staatlichen Investitionen und vielleicht sogar eine größere Bereitschaft zum Breitensport aufgrund besserer Sportstätten (mit der Folge eines geringeren Krankenstands) ist Russland aber recht optimistisch. Ein Bericht über die erwarteten finanziellen Auswirkungen der WM auf die Wirtschaft geht von einem BIP-Anstieg von fast 31 Mrd. USD (bzw. 2 %) in den zehn Jahren von 2013 bis 2023 aus. Es zwar schwer zu sagen, ob diese Prognosen realistisch sind. Zweifellos wird die Weltmeisterschaft Russland aber zu einer besseren und moderneren Sportinfrastruktur und besseren öffentlichen Verkehrsmittel verhelfen. Und dank der Reputationsgewinne dürften nach der WM auch mehr Touristen ins Land kommen.


Russland: fragwürdige Wirtschaftsstruktur

Der WM 2018, einer der teuersten Weltmeisterschaften aller Zeiten, ist eine neue und modernere Infrastruktur (Straßen und Flughäfen) zu verdanken. Sie bringt der Wirtschaft, die ansonsten vornehmlich aus traditionellen Sektoren wie Treibstoff und Bergbau besteht, mehr Vielfalt. Schade für die Russen ist nur, dass Wirtschaft mehr ist als kurzfristiger Nutzen durch Sportereignisse. Nach wie vor ist die Wirtschaft stark von den Öl- und Gaspreisen abhängig, die bis 2016 gefallen sind. Hinzu kommen die internationalen Wirtschaftssanktionen, vor allem der USA und der EU, nach der Annexion der Krim 2014. Sie haben dem Wirtschaftswachstum geschadet. Von 2014 bis 2017 ist der Anteil von Öl und Gas an den russischen Exporten von 65 % auf 55 % gefallen.

Das reale BIP-Wachstum im Jahr 2017 wird auf nur 2 % geschätzt und dürfte in den nächsten zwei Jahren knapp darunter liegen. Höhere Ölpreise sind zweifellos gut für die Wirtschaft, aber weitere US- oder EU-Sanktionen, politische Risiken und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten sind zu wichtig, um ignoriert zu werden. All dies rechtfertigt Vorsicht bei russischen Wertpapieren.